Fragen an die Politik: Was verbessert die Chancen junger Menschen ohne Schulabschluss?

Jedes Jahr verlassen zehntausende junge Menschen die Schule ohne Abschluss. Wenn Sie nur eine einzige politische Maßnahme ergreifen könnten, um ihre Chancen auf Ausbildung, Beschäftigung und gesellschaftliche Teilhabe nachhaltig zu verbessern, welche wäre das?

Mit dieser Frage hat sich die bag arbeit an Vertreterinnen und Vertreter der demokratischen Fraktionen im Deutschen Bundestag gewandt. Zwei Fraktionen haben unsere Anfrage beantwortet. Wir freuen uns, ihre Einschätzungen nachfolgend veröffentlichen zu können.

Cansın Köktürk, Bundestagsabgeordnete der Linken
Foto: Jennifer Marke

Cansın Köktürk, Bundestagsabgeordnete der Linken

Cansın Köktürk ist seit 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages. Ihr Wahlkreis ist Bochum I. Sie ist sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion und Obfrau im Ausschuss für Arbeit und Soziales sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

 

Wenn ich eine einzige Maßnahme nennen müsste, dann wäre es eine massive Investition in Schulsozialarbeit und eine bundesweite Verankerung von multiprofessionellen Teams an Schulen – und zwar von Anfang an. Nicht erst dann, wenn Jugendliche bereits Gefahr laufen, den Anschluss zu verlieren, sondern ab der frühkindlichen Bildung, über Kita, Schule und Ausbildung hinweg.  Kinder brauchen für echte Chancengleichheit eine gerechte Unterstützung. Die soziale Herkunft darf nicht weiter über den schulischen Erfolg bestimmen. Außerdem müssen wir endlich aufhören, Bildung als Kostenfaktor zu betrachten. Bildung ist eine der wichtigsten Investitionen in unserer Gesellschaft.

Aus meiner langjährigen Arbeit in der Sozialen Arbeit und der Schulsozialarbeit zuletzt, weiß ich: Hinter jedem jungen Menschen, der die Schule ohne Abschluss verlässt, steht keine fehlende Motivation oder ein individuelles Versagen. Oft stehen strukturelle Gründe dahinter: Armut, fehlende Unterstützung zu Hause, psychische Belastungen, unsichere Lebensverhältnisse, fehlende Zugänge zu Hilfen oder ein Bildungssystem, das nicht alle Kinder gleichermaßen auffängt. Kinder und Jugendliche, die auffälliges Verhalten zeigen, haben häufig selbst mit Problemen oder Belastungen zu kämpfen.

Ich habe erlebt, was möglich ist, wenn junge Menschen nicht aufgegeben werden. In Projekten der Schulsozialarbeit und mit multiprofessionellen Teams aus Sozialarbeiter:innen, PsychologInnen, Lehrkräften, Beratungsstellen und weiteren Fachkräften konnten Jugendliche stabilisiert werden, ihre Abschlüsse nachholen, Übergänge in Ausbildung schaffen und wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Jugendliche, die lange als schwer erreichbar galten oder viele Fehlzeiten hatten, konnten den Weg in eine Ausbildung finden. Möglich wird das durch ein starkes Team, das an sie glaubt, sie begleitet und ihnen neue Perspektiven eröffnet. Der entscheidende Punkt war dabei nie ein einzelner Kurs oder eine einzelne Maßnahme – sondern, dass Menschen da waren, die begleitet, unterstützt und Perspektiven eröffnet haben.

Genau solche Strukturen brauchen wir flächendeckend. Kein junger Mensch sollte davon abhängig sein, ob er zufällig an eine engagierte Fachkraft oder ein gut ausgestattetes Projekt gerät. Unterstützung muss ein verlässlicher Bestandteil unseres Bildungssystems sein. Wer heute an Bildung spart, riskiert höhere Kosten in der Zukunft. Prävention und Unterstützung sind langfristig die bessere Investition.

Gleichzeitig müssen wir über die Ursachen sprechen. Wenn Kinder in Armut aufwachsen, das Bildungsniveau innerhalb der Familien gering ist, wenn Familien durch steigende Mieten und Lebenshaltungskosten unter Druck stehen oder wenn Schulen und soziale Einrichtungen mit zu wenig Personal arbeiten, dann wirkt sich das auf Bildungschancen aus. Bildungsgerechtigkeit kann nicht funktionieren, wenn soziale Ungleichheit jeden Tag mit in den Klassenraum kommt.

Deshalb braucht es eine Politik, die früh ansetzt: mehr Fachkräfte in Kitas und Schulen, eine verlässliche Schulsozialarbeit, multiprofessionelle Teams und bessere Übergänge von Schule in Ausbildung. Jeder junge Mensch muss die Chance bekommen, einen Abschluss zu erreichen und einen Weg ins Berufsleben zu finden.

Wir dürfen nicht akzeptieren, dass jedes Jahr zehntausende Jugendliche ohne Abschluss bleiben und danach mit schlechteren Chancen zurückgelassen werden. Das ist kein persönliches Scheitern dieser jungen Menschen, sondern ein politischer Auftrag.

Eine Gesellschaft zeigt ihre Stärke daran, ob sie junge Menschen auffängt oder fallen lässt. Wer echte Teilhabe will, muss früh investieren: in Kinder, in Bildung und in gute soziale Infrastruktur. Jeder Euro, der dort investiert wird, ist eine Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft. Das würde ich mir für unsere Gesellschaft als Sozialarbeiterin wünschen.

Foto: Stefan Kaminski

Corinna Rüffer, Bundestagsabgeordnete der Grünen

Corinna Rüffer ist seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. Ihr Wahlkreis ist Trier. Von Beginn ihres Mandats an ist sie Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion für Behindertenpolitik und Obfrau im Ausschuss für Petitionen.

 

Wenn ich nur eine einzige Maßnahme wählen könnte, um die Chancen junger Menschen ohne Schulabschluss auf Ausbildung, Beschäftigung und Teilhabe nachhaltig zu verbessern, dann wäre das die Einführung einer inklusiven Ausbildungsgarantie.

Über 64.000 junge Menschen verlassen die Schule pro Jahr ohne Abschluss – ein trauriger Höchststand. Besonders betroffen sind Abgänger*innen von Förderschulen: Anders als der Begriff „Schulabgang ohne Hauptschulabschluss” vermuten lässt, sind knapp die Hälfte der Betroffenen nie auf einer Hauptschule gewesen. Etwa 49 Prozent von ihnen stammen aus Förderschulen. Rund 70 Prozent der jungen Menschen ohne Hauptschulabschluss finden im Anschluss an ihre Schulzeit keinen Ausbildungsplatz. Als Gesellschaft lassen wir diese jungen Menschen einfach durchs Raster fallen. Das darf nicht so bleiben.

Neben einem wirklich inklusiven Schulsystem braucht es deshalb eine inklusive Ausbildungsgarantie. „Inklusiv” bedeutet dabei einen grundlegenden Perspektivwechsel: Berufsbildungsangebote dürfen sich nicht länger exklusiv an bestimmte, als besonders förderbedürftig identifizierte Zielgruppen richten. Vielmehr müssen alle jungen Menschen innerhalb eines einzigen inklusiven Systems beruflicher Bildung die Hilfen erhalten, die sie brauchen, unabhängig davon, welcher Schulform oder welchem Rechtskreis sie zugeordnet werden.

Eine solche Garantie wäre ein Versprechen unserer Gesellschaft: Wir lassen niemanden zurück. Jeder junge Mensch unabhängig von Herkunft, schulischem Werdegang oder Behinderung bekommt Zugang zu beruflicher Bildung und damit echte Perspektiven. Konkret heißt das: Strukturelle Barrieren müssen abgebaut, individuelle Unterstützung gesichert und bestehende Rechte verbindlich gemacht werden. Damit erfüllen wir zugleich die UN-Behindertenrechtskonvention: Teilhabe durch berufliche Bildung für alle.

Die seit 2024 bestehende Ausbildungsgarantie kann ein erster Schritt sein, greift aber für viele Jugendliche zu kurz. Mangelnde Kooperation zwischen Arbeitsverwaltung, Kinder- und Jugendhilfe und Eingliederungshilfe, befristete und unflexible Unterstützung, die mitten in der Ausbildung wegbricht – solche Probleme sind bekannt und müssen behoben werden. Nötig ist eine Reform, damit die Garantie kein leeres Versprechen bleibt, sondern echte Teilhabe für alle ermöglicht.

Zentral dabei ist die Personenzentrierung: Der einzelne Mensch muss im Fokus stehen, nicht die vorgegebene Struktur. Schließt jemand die Ausbildung mit persönlicher Assistenz oder nach sechs statt drei Jahren ab, ist das kein Makel, sondern ein Erfolg für die berufliche Teilhabe des Einzelnen wie für die Gesellschaft, die dringend ausgebildete Arbeitskräfte braucht.

Damit Ausbildung inklusiv wird, müssen Betriebe, außerbetriebliche Einrichtungen und berufsbildende Schulen als inklusive Lernorte anerkannt und entsprechend ausgestattet werden. Teilzeit-, Stufen- oder verlängerte Ausbildung, Nachteilsausgleiche und flexible Prüfungen gehören regulär in die Ausbildungsordnungen, nicht nur als Ausnahme. Peer-Beratung und pädagogische Assistenz müssen fest in den Lernorten verankert und die Hilfen rechtskreisübergreifend organisiert werden. Entscheidend ist, dass Auszubildende die Unterstützung bekommen, die sie brauchen, nicht, wer formal dafür zuständig ist.

Dafür muss sich auch unser Verständnis von Ausbildung selbst weiten. Zu oft denken wir Ausbildung noch als ein starres Format mit einer einzigen Norm:  wer davon abweicht, fällt heraus. Stattdessen braucht es einen Ausbildungsbegriff, der unterschiedliche Wege, Geschwindigkeiten und Unterstützungsbedarfe von vornherein mitdenkt, statt sie nachträglich als Ausnahme zu verwalten. Nicht der junge Mensch muss sich der Ausbildung anpassen, sondern die Ausbildung dem Menschen. Inklusiv heißt für alle.

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