Corinna Rüffer ist seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. Ihr Wahlkreis ist Trier. Von Beginn ihres Mandats an ist sie Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion für Behindertenpolitik und Obfrau im Ausschuss für Petitionen.
Wenn ich nur eine einzige Maßnahme wählen könnte, um die Chancen junger Menschen ohne Schulabschluss auf Ausbildung, Beschäftigung und Teilhabe nachhaltig zu verbessern, dann wäre das die Einführung einer inklusiven Ausbildungsgarantie.
Über 64.000 junge Menschen verlassen die Schule pro Jahr ohne Abschluss – ein trauriger Höchststand. Besonders betroffen sind Abgänger*innen von Förderschulen: Anders als der Begriff „Schulabgang ohne Hauptschulabschluss” vermuten lässt, sind knapp die Hälfte der Betroffenen nie auf einer Hauptschule gewesen. Etwa 49 Prozent von ihnen stammen aus Förderschulen. Rund 70 Prozent der jungen Menschen ohne Hauptschulabschluss finden im Anschluss an ihre Schulzeit keinen Ausbildungsplatz. Als Gesellschaft lassen wir diese jungen Menschen einfach durchs Raster fallen. Das darf nicht so bleiben.
Neben einem wirklich inklusiven Schulsystem braucht es deshalb eine inklusive Ausbildungsgarantie. „Inklusiv” bedeutet dabei einen grundlegenden Perspektivwechsel: Berufsbildungsangebote dürfen sich nicht länger exklusiv an bestimmte, als besonders förderbedürftig identifizierte Zielgruppen richten. Vielmehr müssen alle jungen Menschen innerhalb eines einzigen inklusiven Systems beruflicher Bildung die Hilfen erhalten, die sie brauchen, unabhängig davon, welcher Schulform oder welchem Rechtskreis sie zugeordnet werden.
Eine solche Garantie wäre ein Versprechen unserer Gesellschaft: Wir lassen niemanden zurück. Jeder junge Mensch unabhängig von Herkunft, schulischem Werdegang oder Behinderung bekommt Zugang zu beruflicher Bildung und damit echte Perspektiven. Konkret heißt das: Strukturelle Barrieren müssen abgebaut, individuelle Unterstützung gesichert und bestehende Rechte verbindlich gemacht werden. Damit erfüllen wir zugleich die UN-Behindertenrechtskonvention: Teilhabe durch berufliche Bildung für alle.
Die seit 2024 bestehende Ausbildungsgarantie kann ein erster Schritt sein, greift aber für viele Jugendliche zu kurz. Mangelnde Kooperation zwischen Arbeitsverwaltung, Kinder- und Jugendhilfe und Eingliederungshilfe, befristete und unflexible Unterstützung, die mitten in der Ausbildung wegbricht – solche Probleme sind bekannt und müssen behoben werden. Nötig ist eine Reform, damit die Garantie kein leeres Versprechen bleibt, sondern echte Teilhabe für alle ermöglicht.
Zentral dabei ist die Personenzentrierung: Der einzelne Mensch muss im Fokus stehen, nicht die vorgegebene Struktur. Schließt jemand die Ausbildung mit persönlicher Assistenz oder nach sechs statt drei Jahren ab, ist das kein Makel, sondern ein Erfolg für die berufliche Teilhabe des Einzelnen wie für die Gesellschaft, die dringend ausgebildete Arbeitskräfte braucht.
Damit Ausbildung inklusiv wird, müssen Betriebe, außerbetriebliche Einrichtungen und berufsbildende Schulen als inklusive Lernorte anerkannt und entsprechend ausgestattet werden. Teilzeit-, Stufen- oder verlängerte Ausbildung, Nachteilsausgleiche und flexible Prüfungen gehören regulär in die Ausbildungsordnungen, nicht nur als Ausnahme. Peer-Beratung und pädagogische Assistenz müssen fest in den Lernorten verankert und die Hilfen rechtskreisübergreifend organisiert werden. Entscheidend ist, dass Auszubildende die Unterstützung bekommen, die sie brauchen, nicht, wer formal dafür zuständig ist.
Dafür muss sich auch unser Verständnis von Ausbildung selbst weiten. Zu oft denken wir Ausbildung noch als ein starres Format mit einer einzigen Norm: wer davon abweicht, fällt heraus. Stattdessen braucht es einen Ausbildungsbegriff, der unterschiedliche Wege, Geschwindigkeiten und Unterstützungsbedarfe von vornherein mitdenkt, statt sie nachträglich als Ausnahme zu verwalten. Nicht der junge Mensch muss sich der Ausbildung anpassen, sondern die Ausbildung dem Menschen. Inklusiv heißt für alle.